Der folgende Text gehört zur Beitragsreihe „Achtsam Speisen: satt und glücklich durch die Fastenzeit“. Bitte lesen Sie zuerst den Auftakt-Artikel zur Serie. Dort finden Sie auch alle Links zu den Beiträgen, die während der Fastenzeit nacheinander freigeschaltet werden. Jeden Sonntag um 8 Uhr wird ein neuer Text mit Übungen online sein. Die einzelnen Artikel sind in sich abgeschlossen, bauen aber inhaltlich aufeinander auf. Bis Ostern werden Sie eine psychologisch durchdachte und medizinisch fundierte Ernährungsweise kennenlernen. Danach können Sie entscheiden, ob Sie dabei bleiben wollen. Und gleichzeitig erhalten Sie viele Anregungen zur bedarfsgerechten Selbstfürsorge.
Um das Thema Achtsamkeit wird viel Wirbel gemacht. Was soll man nicht alles tun oder lassen, um ganz im Hier und Jetzt zu sein?! Für manche mag das sinnvoll und nützlich erscheinen, still auf einem Kissen zu sitzen, Mudras zu halten oder „seinen Verstand zu leeren“.
Offen gesprochen halte ich Letzteres weder für möglich noch für erstrebenswert. Wer es versucht, scheitert und bleibt mit dem Gefühl von Unvermögen zurück. Mir fällt es schon nicht leicht, still zu sitzen, geschweige denn auf einem flachen Kissen am Boden. Wieso sollte ich das wollen?
Voller Überzeugung plädiere ich für einfach umsetzbare Methoden, um spirituelle Übungen zu vollführen. Spiritualität darf praktisch, leicht und freudvoll sein! Von „spirituellem Leistungssport“ halte ich nichts. Er wird betrieben von Menschen, die gar nicht mit sich in Kontakt sind, das bemerken und glauben, wenn sie sich nur genug anstrengen, kommen sie zu sich. Das Gegenteil ist der Fall.
Ich persönlich habe damals mit viel Erwartung das Buch „Jetzt“ von Eckhard Tolle gelesen – und war enttäuscht. „Alter Wein in neuen Schläuchen“, dachte ich. Nichts überzeugend Neues. Schon schön geschrieben und gut verpackt. Aber eigentlich unspektakulär. Ich will niemanden beleidigen, für den das Werk eine Offenbarung war oder ein wichtiger Impulsgeber für seinen Bewusstseinsprozess.
Genauso wenig neu ist mein erster Tipp für unsere Fastenzeit. Aber dennoch kann es hilfreich sein, sich die alte Weisheit ins Gedächtnis zu rufen.
Im Zen-Buddhismus gibt es ein Zitat: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.“ Oft wird es ergänzt um die Passage „Wenn ich esse, esse ich“. Diese Grundhaltung dient uns beim Achtsamen Speisen.
Konzentration aufs Wesentliche
Ungünstig ist es, beim Essen noch irgendetwas anderes zu tun. Das Lesen Ihrer Messanger Nachrichten, der Fernsehkonsum oder das Studium der Zeitung lenken Sie vom bewussten Erleben ab, Sie verpassen den Sättigungsmoment oder missbrauchen das Essen zum Stressabbau. Führen Sie bitte auch keine aufregenden Diskussionen oder gar Streitgespräche bei Tisch. Diese Form der Exklusivität dient der Verdauung und der Gesundheit im Allgemeinen. Wenn Sie befürchten, Ihre neuen Gewohnheiten könnten Ihr Umfeld irritieren, kündigen Sie an, dass Sie sich während des gemeinsamen Mahls in erster Linie auf die Speisen konzentrieren werden. Bleiben Sie nach dem Essen noch etwas sitzen und klinken Sie sich dann in die Konversation ein.
Essen Sie beim Essen. Schmecken Sie, was da an Ihrem Gaumen vorbei wandert. Genießen Sie das Erlebnis. Vielleicht schließen Sie die Augen. Freuen Sie sich über das Aroma. Bemerken Sie das Knuspern oder das zarte Schmelzen der Speisen in Ihrem Mund. Werden Sie zum Gourmet. Ein Feinschmecker isst übrigens auch nicht im Stehen oder im Vorbeigehen. Oder gar im Auto während der Fahrt. Was wir uns so achtlos „einwerfen“ ist in vielfacher Hinsicht verschwendet. Es entwürdigt den Vorgang zur reinen Kalorienzufuhr ohne Bewusstheit und ohne Genuss. Freilich kann das auch einmal vorkommen. Aber Sie berauben sich der genussvollen Erfahrung, wenn Sie solche Unsitten kultivieren.
Ob Sie es glauben oder nicht: Das ist auch schon die ganze Übung für diese Woche. Sie mag einigen von Ihnen vielleicht zu einfach klingen, um eine angemessene Herausforderung für die Fastenzeit zu sein. Und vielleicht sind Sie versucht, sie gleich mit anderen Veränderungsbestrebungen zu kombinieren. Sie irren sich wahrscheinlich. Es ist gar nicht so leicht, sich im Alltag in Achtsamkeit zu üben. Wir leben ja nicht im ZEN-Kloster und haben noch einiges andere zu tun. Ich rate Ihnen sehr, sich beim Essen nur auf diese Übung zu konzentrieren. Seien Sie kein Streber. Falls es Ihnen leichtfällt, dürfen Sie den Triumph gerne erst einmal feiern – statt ihn mit weiteren Ansprüchen zu belasten oder zunichte zu machen. Das ist doch ein guter Einstieg! Weitere Übungen kommen. Gehen Sie Schritt für Schritt mit.
Text: Petra Weiß
Foto: Motrilal Rapria / pexels.com

Ein Gedanke zu „Wenn ich esse, esse ich“
Ein sehr schöne und hilfreiche Anregung, liebe Petra, herzlichen Dank 🙏🏼❣️