Wir essen aus vielerlei Gründen: wenn der Körper Hunger hat, wenn wir nervös sind, wenn uns langweilig ist oder wir uns einsam fühlen. Um nur ein paar wenige Anlässe zu nennen. Ihnen fallen bestimmt noch mehr ein. Wie aber erkennen wir, dass nun wirklich unser Organismus etwas zu essen braucht? Genau das üben wir in den kommenden Tagen.
Der folgende Text gehört zur Beitragsreihe „Achtsam Speisen: satt und glücklich durch die Fastenzeit“. Bitte lesen Sie zuerst den Auftakt-Artikel zur Serie. Dort finden Sie auch alle Links zu den Beiträgen, die während der Fastenzeit nacheinander freigeschaltet werden. Jeden Sonntag um 8 Uhr wird ein neuer Text mit Übungen online sein. Die einzelnen Artikel sind in sich abgeschlossen, bauen aber inhaltlich aufeinander auf. Bis Ostern werden Sie eine psychologisch durchdachte und medizinisch fundierte Ernährungsweise kennenlernen. Danach können Sie entscheiden, ob Sie dabei bleiben wollen. Und gleichzeitig erhalten Sie viele Anregungen zur bedarfsgerechten Selbstfürsorge.
Ihr Körper schickt Ihnen Zeichen des Hungers, die Sie bewusst wahrnehmen können. Sie zeigen sich aber nicht bei allen Menschen gleich. Daher achten Sie bitte auf Ihre ganz individuelle Art, Hunger zu spüren. Und wenn Sie hungrig sind: ESSEN SIE!
Halten Sie keinesfalls den Hunger aus, so lange es geht. Das haben Sie vermutlich schon in vielen Diäten probiert. Es führt zu Frust, Versagensgefühlen und Heißhungerattacken – und gegen sie ist nun wirklich kein Kraut gewachsen. Wenn der Körper erst mal im Unterzucker ist, hält ihn keine Disziplin der Welt davon ab, fürs (gefühlt notwendige) Überleben zu sorgen.
Die üblichen Hinweise auf Körperhunger sind facettenreich: Magenknurren bzw. ein leeres oder ziehendes Gefühl in der Magengebend sind die Klassiker. Dass es bei mir persönlich so weit kommt, ist sehr selten. Mir wird eher kalt. Und ich werde unwirsch. Früher haben meine Kollegen mir liebevoll fürsorglich ein Äpfelchen oder einen Schokoriegel an den Arbeitsplatz gelegt, wenn ich länger nichts gegessen hatte und mir die gute Laune zunehmend entglitt.
Reizbarkeit, Schwäche, Zittrigkeit, Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen sind typische Ausdrucksformen des Hungers. Charakteristisch ist auch sein Verlauf: Körperhunger überkommt uns nicht plötzlich, er klopft erst leise an. Man kann ihn eine Weile ignorieren, aber er verschwindet nicht einfach wieder, sondern steigert sich allmählich.
Echten Hunger erkennen wir daran, dass er möglicherweise mit Appetit auf etwas Bestimmtes verbunden ist, aber auch durch egalwas gestillt werden kann. Wir haben Hunger, es verlangt uns dann häufig reflexhaft nach Hochkalorischem wie z.B. Schokolade oder Käse. Der Hunger verschwindet aber auch dann, wenn wir eine Möhre oder einen Apfel zu uns nehmen. Dann können wir sicher sein: Das war echter Hunger.
Und das Genussvolle dabei: Die Natur hat es so schlau eingerichtet, dass unsere Geschmacksnerven bei Körperhunger so reagieren, als sei das Obst oder Gemüse die reinste Delikatesse. Bei der Nahrungsaufnahme unter Körperhunger gibt es eine wahre Geschmacksexplosion im Mund.
Bitte üben Sie, Körperhunger von Seelenhunger zu unterscheiden und auf beide Arten angemessen zu reagieren. Vermutlich haben Sie ein oder zwei für Sie typische Arten von Seelenhunger, die Sie durch Essen kompensieren. Das funktioniert in gewissen Maßen recht gut. Essen setzt Oxitocin frei, das Bindungshormon. Die Substanz wirkt beruhigend. Sie ersetzt aber keine echte Bindung. Gehen Sie stattdessen in Kontakt mit Menschen.
Wenn Sie beispielsweise einsam sind, essen Sie keine Schokolade, sondern rufen Sie lieber eine Freundin an. Oder setzen Sie sich ins Café und plaudern Sie mit der Bedienung. Oder nehmen Sie an einer interessanten Diskussion in einem Internet-Forum teil. Denken Sie sich für Ihre üblichen Seelenhunger-Fallen praktische, leicht umsetzbare und einfache Alternativen zum Schokoriegel aus.
Wie Sie sehen, ist die Kompensation durch das Essen nicht nur ein Problem beim Essen, was sich ggf. in unliebsamer Weise auf die Figur auswirkt. Nein. Was eigentlich viel schlimmer ist: Die Ausweichlösung hält uns von der richtigen Lösung des eigentlichen Problems ab.
Oxitocin wird bei Kontakt und insbesondere bei Körperkontakt ausgeschüttet. Regelmäßige Besuche bei der Massage oder die Umarmung von Familie und Freunden sind nicht immer verfügbar. Und nicht jeder will oder kann mit einem Haustier zusammenleben – was ungemein beruhigend wirkt und viele emotionale Bedürfnisse stillt.
Was Sie auf jeden Fall selbst und unabhängig von anderen tun können, ist die Eigenberührung. Während Sie sich z.B. nach dem Duschen mit einer Bodylotion einreiben, wird ebenfalls das Bindungshormon ausgeschüttet.
Reden produziert Oxitocin und lindert Ihren Seelenhunger aus Einsamkeit. Sprechen Sie mit Menschen. Oder notfalls mit sich selbst. Laut. Natürlich nicht in der S-Bahn oder am Arbeitsplatz. Selbstgespräche sind ein bewährtes Ventil für überlastete Nervensysteme, genau aus diesem Grund.
Das Angebundensein ans Universum oder an Gott zu spüren, kann ebenfalls sehr beruhigend wirken. Dem Bindungshormon ist es egal, warum es ausgeschüttet wird. Zugehörigkeit ist seine Grundlage – und sein Ziel.
Den Seelenhunger zu erkennen und zu ignorieren, ist nicht Sinn dieser Übung. Wenn Sie den Körperhunger ausschließen und immer noch hungrig sind, lassen Sie sich etwas einfallen. Nehmen Sie die obigen Beispiele als Anregung. Sie finden Ihren eigenen Weg, die Kompensation in einen echten Ausgleich zu überführen.
Falls wir das nicht tun, endet der ganze Prozess fast zwangsläufig in Gier: Wir brauchen dann immer mehr und mehr und mehr – vom Falschen! Weil das Stück Pizza oder der Cocktail unsere Seele einfach nicht satt macht. Hier helfen nur Bewusstheit und das Sich-Zuwenden zu den eigenen Bedürfnissen. Doch. Sie sind wichtig. Nehmen Sie sie bitte ernst.
Welche Anlässe kennt Ihr Seelenhunger? Fühlen Sie sich allein? Überfordert? Brauchen Sie eine Pause? Frische Luft? Oder mehr Bewegung? Fehlt Ihnen ein Freund? Eine sinnvolle Beschäftigung? Ein Blick aus dem Fenster? Etwas innerer Abstand?
Seien Sie unbedingt gnädig mit sich bei dieser Übung. Lassen Sie zu, dass sie manchmal aus Seelenhunger essen. Machen Sie sich Notizen, was Sie eigentlich gebraucht hätten und was Sie nächstes Mal tun werden, wenn der Seelenhunger Sie überkommt. Dann probieren Sie verschiedene Varianten aus. Es wird Ihnen nicht an jedem Tag gleich gut gelingen. Aber Sie werden Erfahrungen sammeln.
Sie sehen: Achstames Speisen ist viel mehr als eine Kostform. Es ist eine innere Haltung gegenüber den eignen Bedürfnissen.
Nächste Woche geht es weiter mit dem Wahrnehmen des inneren Stop-Schilds. Viel Spaß und gute Erkenntnisse beim Üben!
Text: Petra Weiß
Bild: mit Liebe und KI gemacht
