Der folgende Text gehört zur Beitragsreihe „Achtsam Speisen: satt und glücklich durch die Fastenzeit“. Bitte lesen Sie zuerst den Auftakt-Artikel zur Serie. Dort finden Sie auch alle Links zu den Beiträgen, die während der Fastenzeit nacheinander freigeschaltet werden. Jeden Sonntag um 8 Uhr wird ein neuer Text mit Übungen online sein. Die einzelnen Artikel sind in sich abgeschlossen, bauen aber inhaltlich aufeinander auf. Bis Ostern werden Sie eine psychologisch durchdachte und medizinisch fundierte Ernährungsweise kennenlernen. Danach können Sie entscheiden, ob Sie dabei bleiben wollen. Und gleichzeitig erhalten Sie viele Anregungen zur bedarfsgerechten Selbstfürsorge.
Eine der Grundregeln im Intuitiven Essen lautet: Essen Sie, wenn Sie Hunger haben. Wir halten den Hunger also nicht aus und zögern das Mahl hinaus – das erzeugt Heißhunger. Und wir stopfen auch nicht dauernd etwas aus Nervosität oder Langeweile in uns hinein, obwohl der Körper im Moment gar nichts braucht.
Das hört sich erst mal ganz einfach an. Ist es aber nicht. Zunächst einmal müssen wir klären, was „Hunger“ ist und was wir – mit einer etwas erweiterten Sicht für unsere Übung – unter „Essen“ verstehen.
Manchmal glauben wir, wir hätten Hunger, dabei haben wir Durst. Wasser ist für den Organismus lebenswichtig. Alle Zellen schlagen Alarm, wenn Flüssigkeit fehlt. Es kann schwierig sein, die beiden Grundbedürfnisse auseinanderzuhalten. Im Rahmen des Achtsamen Speisens empfehle ich, im Zweifel zunächst etwas Wasser zu trinken und nach ein paar Minuten erneut zu prüfen, ob der „Hunger“ noch da ist. Achten Sie grundsätzlich auf eine angemessene Flüssigkeitszufuhr.
Eine Trinkmenge, die für alle Menschen gleichermaßen empfohlen werden kann, gibt es nicht. Sie ist höchst individuell und sogar situationsabhängig schwankend. Wertvolle Hinweise gibt die Blutgruppe: 0 braucht am meisten Flüssigkeit. Eine Analyse der Elemente-Balance nach Dr. Peter Vill gibt weitere Anhaltspunkte: Menschen mit Wasser-Überschuss kommen mit weniger aus, vor allem Frauen – es sei denn, sie haben Blutgruppe 0.
Viel Gewese wurde in der Vergangenheit darum gemacht, ob nun der Kaffee zur Wassermenge hinzuzurechnen ist oder nicht. Da wir in unserer Übung nicht Liter zählen, sondern die Signale des Körpers beachten wollen, ist diese Frage unerheblich.
Wichtiger ist zu wissen, dass Wein, Bier und Schnaps die Ausscheidung von Wasser begünstigen. Denn egal, wie viel wir in den Körper hineinkippen – es gibt eine intelligente Vorrichtung an der Niere, die verhindert, dass zu viel hinausfließt (die sogenannte Natrium-Kalium-Pumpe – Wasser bindet an Natrium). Das geschieht mithilfe eines Hormons namens ADH (Anti-diuretisches Hormon). Alkohol setzt ADH außer Kraft und damit den ganzen schönen Regulationsmechanismus unseres Körpers. Hm. Wie soll man damit umgehen?
Die einen verzichten ganz auf Alkohol. Die anderen genießen ihn im Maßen und trinken reichlich Wasser dazu.
Mit dem Wasser führen wir Mineralien zu. Auch sie sind teilweise essenziell. Das heißt, der Körper ist auf die Versorgung von außen angewiesen. Durst kann also auch Ausdruck eines Mineralienmangels sein. Daher rate ich dringend zu hochwertigem Trinkwasser, am besten aus einer verlässlichen Quelle.
Falls Sie das Trinken zuweilen einfach „vergessen“: Alle Menschen schalten ihre Körperempfindung phasenweise ab, wenn sie sich zum Beispiel auf eine kniffelige Aufgabe konzentrieren. Man nennt das „Dissoziieren“. Es ist gut, dass wir das können. Als Dauerzustand führt dieses Ausblenden allerdings zu diversen Problemen.
Üben Sie das Spüren Ihres Körpers, beispielsweise mithilfe von geführten Meditationen, bei sanften Bewegungen wie im Qi-Gong oder im Rahmen von SE-Übungen (Somatic Experiencing).
Wenn das noch nicht gelingt oder im Moment keine Zeit dafür da zu sein scheint, greifen Sie zu bewährten Tricks: Kaufen Sie sich ein besonders schönes Gefäß für Ihre Getränke, das kann eine Karaffe oder ein Trinkglas sein, oder einen Untersetzer, der ihre Aufmerksamkeit auf positive Weise lenkt. Stellen Sie routinemäßig eine Flasche Wasser dort parat, wo es Ihnen am schwersten fällt, genug zu trinken. Bei mir ist das der Arbeitsplatz am Rechner. Gewöhnen Sie sich an, sich immer erst ein Glas vollzuschenken und es auch nach dem Leeren gleich wieder aufzufüllen.
Gesüßte Getränke, Fruchtsäfte oder Smoothies betrachten wir für unsere Übung wie feste Nahrung.
Sie dienen zwar der Flüssigkeitszufuhr, bringen aber gleichsam den Blutzuckerspiegel nach oben. Das kann durchaus gewollt sein. Mir ist es wichtig, dass Ihnen das bewusst ist.
Bestimmte Medikamente greifen in den Wasserhaushalt ein, z.B. Zytostatika sind dafür bekannt, dass sie Mundtrockenheit erzeugen. Glukokortikoide (künstliches Cortison) trocknen ab einem Schwellenwert von 7,5 mg pro Tag Haut und Schleimhäute aus. Geringere Dosen bleiben nebenwirkungsfrei. Betroffen von Einflüssen auf das Trinkverhalten sind auch Patienten, die Mittel für den Blutdruck benötigen oder Medikamente für psychische Beschwerden wie Antidepressiva, Neuroleptika und Lithium, aber auch Antihistaminika zur Bekämpfung von Allergien und natürlich Diuretika sowie Antidiuretika.
Prüfen Sie im Zweifel den Beipackzettel Ihrer Medikamente. Nehmen Sie sich ein Lexikon, ChatGPT oder einen geduldigen Mediziner zur Seite, um die Fachbegriffe zu entziffern.
Diese biochemischen Eingriffe ins Gleichgewicht des Körpers mögen aus medizinischen Gründen notwendig sein. Keinesfalls will ich Sie dazu verleiten, solche Arzneimittel ohne ärztliche Begleitung abzusetzen. Tun Sie das nicht. Ich will Sie nur darauf Hinweisen, warum ggf. die Signale Ihres Körpers in diesem Punkt irreführend sein können und dass Sie hierauf ein besonderes Augenmerk legen müssen.
Bitte geben Sie nicht auf. Ich will Sie nicht entmutigen. Auch Sie können sich dem Achtsamen Speisen erfolgreich zuwenden. Picken Sie sich diejenigen Anteile des Konzepts heraus, die Sie unter den gegebenen Umständen bewältigen können – und machen Sie sich keine Vorwürfe, dass Ihnen nicht jede Übung gleich gut gelingt. Das gilt übrigens ebenso für alle anderen Teilnehmer: Jeder einzelne Schritt ist hilfreich. Setzen Sie sich bloß nicht unter Druck. Damit ist niemandem gedient.
Die Übung für diese Woche ist lediglich, das Unterscheiden zu üben zwischen Hunger und Durst. Alles Weitere in diesem Beitrag sind Ergänzungen, die Sie unterstützend mit einbeziehen können oder auch nicht.
Nächste Woche werden wir zwischen Augenhunger und Körperhunger unterscheiden anhand von ganz konkreten Hinweisen, die unser Körper unmissverständlich gibt. Also bleiben Sie dran. Sie lernen Ihren Körper noch besser kennen…
Text: Petra Weiß
Bild: mit Liebe und KI gemacht
