Gelüste als Kompass

Petra Weiß, Heilpraktikerin Traumatherapie Weinheim

Essen und trinken Sie, worauf Sie Lust haben. Ja, Sie haben richtig gehört. Das ist die Übung für diese Woche. Vermutlich schwirren in Ihrem Kopf seit Jahrzehnten Verbote, was Sie auf keinen Fall zu sich nehmen dürfen und Gebote, was Sie unbedingt verzehren sollten. Das alles lassen wir für die kommenden sieben Tage einfach außen vor. Ausgenommen natürlich Ihre medizinisch notwendigen Anpassungen, z.B. Nahrungsmittelallergien – wir sind ja nicht doof.

Der folgende Text gehört zur Beitragsreihe „Achtsam Speisen: satt und glücklich durch die Fastenzeit“. Bitte lesen Sie zuerst den Auftakt-Artikel zur Serie. Dort finden Sie auch alle Links zu den Beiträgen, die während der Fastenzeit nacheinander freigeschaltet werden. Jeden Sonntag um 8 Uhr wird ein neuer Text mit Übungen online sein. Die einzelnen Artikel sind in sich abgeschlossen, bauen aber inhaltlich aufeinander auf. Bis Ostern werden Sie eine psychologisch durchdachte und medizinisch fundierte Ernährungsweise kennenlernen. Danach können Sie entscheiden, ob Sie dabei bleiben wollen. Und gleichzeitig erhalten Sie viele Anregungen zur bedarfsgerechten Selbstfürsorge.

Wobei: Auch hier lohnt es ab und an, frühere Ergebnisse zu überprüfen. Ich habe nach einem Bluttest festgestellt, dass ich gar nicht mehr gegen so viele Dinge allergisch bin wie beim letzten Laborbefund vor 13 Jahren. Solche körperlichen Reaktionen sind von vielen Einflussfaktoren abhängig – unter anderem von der Situation des Nervensystems – und nicht für alle Ewigkeit in Stein gemeiselt. Das Thema will ich hier nur kurz anreißen.

Zurück zur sensorischen Intelligenz. So nennt man die Fähigkeit des Körpers, durch den Appetit auszurücken, was ihm an Substanz fehlt. Das hat die Natur sehr clever eingerichtet. Und wir Menschen denken immer, wir wären noch viel schlauer. Daher richten wir uns nach irgendwelchen Konzepten, die sich irgendein Experte ausgedacht hat. Wir vertrauen Leuten, die uns Statistiken unter die Nase halten, ohne dass wir diese hinterfragen. Und zwar mehr als unserem eigenen Körper.

Ein Surf-Profi wurde im Interview befragt, was sein Erfolgsrezept sei. Er hatte drei Tipps, die nicht nur für den Wassersport, sondern für alle Lebenslagen hilfreich sind:

1. Niemals in Panik geraten.

2. Seine eigenen Grenzen kennen.

3. Nicht gegen die Natur arbeiten.

Wir arbeiten mit der Natur, wenn wir auf unseren Körper hören. Er sagt uns, was er will. Verwirrend sind seine Ansagen nur, wenn uns allerlei Vitamine und Mineralien gleichzeitig fehlen. Daher kann es ratsam sein, eine ausgewogene Rundumversorgung zu sich zu nehmen und bei Anzeichen von Mangel, einzelne Blutwerte bestimmen zu lassen, um dann den Mikronährstoff gezielt aufzufüllen.

Für diese Woche begnügen wir uns damit, bewusst wahrzunehmen, wonach uns gelüstet. Keine Sorge: Sie werden nicht in einer Woche 10 Kilo zunehmen, weil Sie endlich einmal gegessen haben, was Sie wirklich wollten. Freuen Sie sich, dass Sie das nun ohne jedes schlechte Gewissen tun dürfen – und genießen Sie jeden Bissen!

Erfahrungsgemäß lässt sich der Appetit sowieso nicht überlisten.

Neulich verbrachten wir einen Tag im Wellnessbereich des Miramar. Ich hatte bereits eine Kleinigkeit gegessen und wollte meinen Mann dennoch ins Restaurant begleiten, um ihm Gesellschaft zu leisten. Spontan hatte ich Lust auf einen fruchtigen Cocktail. Stattdessen habe ich mir eine Gulaschsuppe bestellt. Es erschien mir vernünftiger, etwas „Gescheites“ zu essen, statt den vergleichsweise teuren Cocktail zu trinken. Und dann saßen am Nachbartisch zwei Damen, die genau diesen Cocktail hatten! Unschwer zu erraten, was ich gemacht habe: mir ebenfalls einen bestellt. Die Gulaschsuppe hat zwar geschmeckt, wäre aber gar nicht nötig gewesen und ist mir auch nicht wirklich gut bekommen. Den Umweg über „die Vernunft“ hätte ich mir sparen können. Der erste Gedanke ist wie beim Skat oft der richtige.

Vorsicht ist geboten, wenn der Appetit nicht bestätigt wird – wie in diesem Fall – sondern erst erzeugt wird durch äußere Einflüsse. Warten Sie unbedingt ein paar Minuten, bevor Sie sich ein Sandwich machen, nur weil in Ihrer Lieblingsserie gerade jemand ein Sandwich isst. Man spricht vom „Augenhunger“, der dabei entsteht, dass wir etwas Leckeres sehen. Auf was Sie da hören, ist nicht Ihr Körper, sondern Ihre Konditionierung. Wie die Pawlow’schen Hündchen sind wir alle darauf dressiert, brav Männchen zu machen, wenn das Leckerli über die Mattscheibe flimmert. Unser echtes Bedürfnis von der gewohnheitsmäßigen Reaktion zu unterscheiden, ist wichtig. Berücksichtigen Sie diese Differenzierung für unsere Übung.

Schalten Sie Werbung grundsätzlich stumm oder ganz ab. Am Besten Sie schauen sich Filme auf DVD an und bleiben so von den Versuchungen verschont. Marketing-Fachleute sind Meister der Manipulation. Niemand muss sich schämen, ihnen auf den Leim zu gehen. Gerade am TV ist unsere Widerstandskraft herabgesetzt, weil wir uns ja im Entspannungsmodus befinden. Hier ist die Gefahr am größten, sich etwas unterjubeln zu lassen, was man eigentlich gar nicht will oder braucht. Und dann greift man ohne Hunger und ohne körperliche Lust zu Chips – nur weil man sie gerade im Werbespot gesehen hat. Vielleicht kennen Sie das von sich.

Warten Sie bis der erste Impuls vorbeigezogen ist. In dem kurzen Innehalten zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit der Selbstbestimmung. Und dann wählen Sie, ob Sie jetzt etwas essen wollen und wenn ja, was. Folgen Sie ganz Ihrem Appetit und nicht den Werbeleuten. Wie Sie feststellen, dass Ihnen das gelungen ist: Sie werden ein höchst befriedigendes Gefühl bei dem Verzehr haben. „Ja, genau das wollte ich jetzt!“

Wer übrigens glaubt, mit Süßstoffen in seinen Getränken dem Kalorienteufelchen von der Schippe zu springen, täuscht sich: Aspartam & Co. sind appetitanregend. Begleitet von zuckerfreien Softdrinks oder Süßspeisen findet unser Appetit kein Halten mehr. 

Erinnern Sie sich an die Übung mit dem STOP-Schild: Sie müssen sich mit der lang ersehnten Pizza oder dem heiß begehrten Eis ja nicht mästen wie eine Stopfgans. In vernünftigen Maßen genossen können Sie sich praktisch jede „Sünde“ erlauben. 

Eine Ausnahme gibt es freilich: Wenn Ihnen ein Getränk oder eine Speise offensichtlich nicht guttut. Lassen Sie konsequent weg, was Ihnen Probleme im Verdauungstrakt (Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall) verursacht, was allergische Reaktionen auslöst (Hautreaktionen, etc.) oder womit Sie sich beim Essen schon oder anschließend unwohl fühlen. Ich meine nicht die vagen Verdachtsfälle, die bei manchen Menschen dazu führen, dass sie permanente ein schlechtes Gewissen haben. Sondern die ganz klar schädlichen Lebensmittel. 

Bei unklaren Beschwerden, werfen Sie einmal einen Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe. Nicht jede E-Nummer ist giftig. Aber manche Zutaten brauchen wir echt nicht in unserem Essen, wie beispielsweise Phosphat – es macht zapplig, nervös und reizbar. ADHS aus Softdrinks, Gummibärchen oder Wurstprodukten muss nun wirklich nicht sein. Wenn Sie wenig Zeit haben: Setzen Sie beim Einkauf auf Bio. Damit vermeiden Sie die meisten schädlichen Zusatzstoffe, ohne sich ständig mit dem Studium von Inhaltslisten befassen zu müssen.

Text: Petra Weiß
Foto: sebastian coman photography / pexels.com

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