Zunächst einmal möchte ich mit einem Missverständnis aufräumen, das weit verbreitet ist: Sie müssen nicht „kritikfähig“ sein, indem Sie sich das wie auch immer geartete Lamentieren von anderen gelassen anhören. Jemanden in seinem Verhalten zu bewerten und ihm dieses Urteil mitzuteilen, setzt voraus, dass man dazu in irgendeiner Weise berechtigt ist. Sonst ist es einfach nur übergriffig.
Die Berechtigung resultiert einerseits aus bestimmten Rollen, auf die wir gleich noch eingehen werden. Andererseits kann sie erworben bzw. vergeben werden. Aber wir sind nicht automatisch befugt, der Welt unsere Meinung jederzeit und überall zuzumuten. Es gibt Regeln des Miteinanders, die aus der analogen Welt entstammen und sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte etabliert haben. In einer digitalen Umgebung können wir sie nicht einfach über Bord werfen.
Troll Dich!
In den Sozialen Medien ist eine Unkultur entstanden, die ich aus psychologischer Sicht nicht gutheißen kann. Das respektvolle Miteinander, die Höflichkeit und das Einfühlungsvermögen sind durch die Anonymität im Netz weitgehend verloren gegangen.
Da wird sich hemmungslos ausgelassen über Menschen, über deren Verhalten und über ihre Äußerungen, ohne dass man sie auch nur im Ansatz verstanden hat. Ja, ohne dass man mit diesen Leuten in eine echte Beziehung treten will.
Man will nur Dampf ablassen, sich erhaben fühlen und denkt dann auch noch, man habe den heroischen Akt begangen, seine Meinung offen zu äußern. Wie es dem Opfer des Shitstorms geht, interessiert die Hater – wie man modern sagt – entweder nicht oder sie freuen sich sogar darüber, es jemandem mal so richtig gezeigt zu haben. Bei einigen handelt es sich wahrscheinlich nicht um Hooligans mit den Händen auf der Tastatur, sondern um virtuelle Maulhelden, die in der echten Realität den Mund nicht aufbekommen würden. Sie beschimpfen in der Regel jemanden, der ihnen persönlich nichts getan hat, dem sie im Leben noch nie begegnet sind und zu dem sie gar keinen direkten Bezug haben.
Damit macht man den Bespuckten und Beschimpften zum Objekt. Er verliert seine Würde. Und dann soll er auch noch ganz Om bleiben? Nö. Soll er nicht. Der Anspruch ist krank. Und er macht krank, wenn man ihn ernst- und annimmt.
Als erwachsener Mensch müssen Sie sich von Fremden nicht kritisieren lassen. Und erst gar nicht in moralisierendem Ton. Was denken die fleischgewordenen Knigge-Fibeln denn, wer sie sind?
Erst fragen, dann Kritik üben
Sie können jemanden einladen, Ihnen seine Sichtweise mitzuteilen. Das ist etwas anderes.
In meiner Sprechstunde habe ich schon mehrfach erlebt, dass davon abweichende Ansichten kursieren. Die gewohnheitsmäßigen Alltags-Richter fühlen sich häufig im Recht über andere zu urteilen. Sehr verblüfft sind sie, wenn ich ihnen sage, dass sie für ein gutes Miteinander den anderen erst fragen müssen, ob er ihre Kritik hören will. Da ist meist erst mal ein Moment Stille.
Insbesondere, wenn sie vorgeben, es ja nur gut zu meinem mit dem anderen. Dann nützt es sehr, sich zu erforschen: Wie komme ich mit einem Nein zurecht? Wenn meine Kritik nicht willkommen ist, kann ich dann entspannt zur Tagesordnung übergehen? Oder bleibt mir der heruntergeschluckte Satz regelrecht im Halse stecken. Das ist ein alarmierender Hinweis darauf, dass die Kritik in erster Linie dem Sprecher dienen soll und dann erst dem Zwangsbeglückten.
Unter uns gibt es Menschen, die besonders empfindsam auf Kritik reagieren. Oft hängt das mit einem beschädigten Selbstwertgefühl zusammen. Gerade ihnen muss man die Möglichkeit geben, Nein zu sagen. Und damit meine ich nicht pathologische Narzissten, die jedwede Kritik als Majestätsbeleidigung auffassen und tödlich verletzt sind. Sondern Menschen, die bereits ihr Bestes gegeben haben und nicht dauernd infrage gestellt werden wollen.
Wenn Sie zu diesen gehören: Nicht jedes berechtigte Nachfragen ist ein Angriff. Versuchen Sie, aus der Rechtfertigungshaltung herauszufinden. Prüfen Sie nach der ersten emotionalen Wallung, ob Sie tatsächlich aufgefordert wurden sich zu beweisen. Vielleicht geht es auch nur darum, einen Sachverhalt aufzuklären.
Rollen mit Kritik-Berechtigung
Eltern, Lehrer und andere Menschen, die an der Erziehung beteiligt sind, haben in Sachen Kritik Befugnisse und sogar Pflichten. Coaches, Therapeuten und Berater aller Fachgebiete (auch Juristen, Ärzte etc.) sind von Berufs wegen in einer Ratgeberrolle. Sie werden für ihre Expertise bezahlt und sollen ihre Fachmeinung äußern. Hier macht der Ton die Musik.
Vorgesetzte im Beruf müssen Kritik äußern, wenn die Arbeitsleistung betroffen ist. Und nur dann. Es ist wichtig, dass sich beide Seiten der Rollen und ihrer Auswirkungen auf das Thema Kritik bewusst sind.
Nicht vergessen möchte ich, dass diese Berufsgruppen in ihrem privaten Umfeld nicht automatisch auch befugt sind, „gute Ratschläge“ zu verteilen. In ihrer Rolle als Kollegin, Partnerin, Schwester oder Freundin stehen sie auf Augenhöhe mit dem Gegenüber.
In letzter Zeit hat es sich eingebürgert, Mitarbeiter nach ihrer Einschätzung zur Leistung ihres Vorgesetzten zu befragen. In einem ganz bestimmten Rahmen zu einer festgelegten Zeit und mit einem Standard-Formular. Schlaue Personaler wissen schon, warum.
In einem Dienstverhältnis ist es wichtig, dass alle die Voraussetzung haben, ihre Aufgaben zu erfüllen. In der Regel ist es hierarchisch aufgebaut. Dann folgen die Anweisungen einer Richtung. So auch die Kritik. Das heißt nicht, dass es dem Chef egal ist, wie es den Angestellten geht.
Wenn aber ein Boss sich ungefragt Kritik seiner Leute anhören muss, und noch dazu wenn sie sich nicht auf eine Arbeit richtet, die den Sprecher unmittelbar betrifft – dann wird damit Autorität untergraben.
Ich habe Geschichten gehört, dass ein neuer – und wie sich im Laufe der Jahre herausstellte, in fachlicher und persönlicher Hinsicht kompetenter Chef – von einer seiner Mitarbeiterinnen für die Farbe seiner Socken im Kreise der Kollegen lächerlich gemacht wurde. So ein Verhalten ist bösartig und rufschädigend. Das Klatschmaul muss nicht toleriert werden.
Die meisten Menschen sind es aufgrund ihrer Nutzung der modernen Medien so gewohnt, wie ein römischer Imperator Daumen hoch und Daumen runter zu verteilen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass mit dieser Vorgehensweise ganz grundsätzlich etwas nicht stimmen könnte.
Ich meine natürlich nicht das Kritisieren von Verhalten, gegen das man sich völlig zu Recht zur Wehr setzen darf und muss. Weil man persönliche davon betroffen ist, was der andere da tut. Die persönliche Betroffenheit macht sich aber nicht an den eigenen überragenden Moralvorstellungen fest.
Ein praktisches Beispiel
Wenn eine Fremde im Supermark mein Kind anschreit oder gar schlägt, muss ich einschreiten – ohne Frage! Niemand hat das Recht dazu. Wenn aber jemand sich anders ernährt, als ich es für richtig halte, oder ein anderes Beziehungskonzept verfolgt als ich es für „normal“ halte – wer wäre ich, ihm meine Meinung dazu unaufgefordert mitzuteilen? Geschweige denn, ihn in missionarischem Eifer von meinen Vorstellungen und Sichtweisen überzeugen zu wollen.
Leider ist die gute Sitte außer Mode geraten, anderslautende Meinungen einfach stehen zu lassen. Dabei zeichnet uns genau das aus: Wir müssen nicht in der Sache übereinstimmen und können dennoch Freunde sein. Wie das geht? Durch Beziehung. Sie fußt auf Wertschätzung, Respekt, Verständnis und Empathie. Wenn etwas davon fehlt, hilft die beste Argumentation nicht.
Es gibt Rollen, in denen implizit ist, dass Kritik geäußert wird. Selbstredend konstruktive. Nicht jede Meinung ist eine akzeptable Kritik. Was eine gute Kritik auszeichnet, haben wir in dem vorherigen Teil dieses Beitrags gesehen.
Heute schauen wir, welche Kritik wir annehmen wollen oder müssen. Und wie wir damit umgehen.
Ernst gemeintes Kompliment? Oder Schmeichelei?
Erhalte ich ein Lob, dann prüfe ich erst mal, ob es wirklich ein Kompliment war. Wir haben einen naturgegebenen Radar für Schmeicheleien. Kommen wir im Einzelfall zu dem Schluss, dass wir um den Finger gewickelt werden sollen, ist dieser Vorbehalt ernst zu nehmen. Geht es uns ständig so, dass wir Lobpreisungen schwer annehmen können, stimmt etwas mit unserer Selbstwertschätzung nicht.
Das erlebe ich in der psychotherapeutischen Praxis vor allem nach narzisstischem Missbrauch. Die Opfer sind so verstört und verunsichert, dass sie oft Jahre später noch Gefahr wittern, wenn ihnen jemand etwas Nettes sagt. Sie haben erlebt, dass sie auf diese Weise manipuliert worden sind und bleiben erst einmal vorsichtig. Verständlich. Mit der Zeit wäre es aber hilfreich, sich für neue und positivere Erfahrungen zu öffnen.
Oft empfehle ich den Betroffenen, ein „I-love-me“-Büchlein zu führen. Sie tragen ein, was ihnen an Komplimenten entgegengebracht wurde und von wem. Wir besprechen dann, wie die Rückmeldung in dem speziellen Zusammenhang zu bewerten ist und trainieren das Erkennen der somatischen Marker. Also die körperlichen Reaktionen auf ein Ereignis. Man spürt instinktiv, wenn man gerade in die Irre geführt werden soll.
Bis man das wieder gut unterscheiden kann, dienen logische Überlegungen und sinnvolle Einordnungen der Beziehung und der Situation inkl. der konkreten Wortwahl.
Nun hat leider nicht jeder eine psychotherapeutische Unterstützung parat, die sich mit manipulativen Mustern auskennt. Also rate ich Ihnen: Vertrauen Sie auf Ihren Bauch. Falls Sie damit nicht klarkommen, haben Sie vermutlich gute Gründe, die in der Vergangenheit liegen. Wenn Sie eine Zukunft wollen, die anders aussieht als die Vergangenheit, holen Sie sich Hilfe.
Aufrichtiges Lob angemessen annehmen
Kommt also ein wirklich aufrichtiges Kompliment bei Ihnen an, was machen Sie dann?
Die meisten neigen dazu, es abzuwerten. Das erlebe ich tausendfach, wenn ich eine freundliche Bemerkung zu einer Farbe mache, beispielsweise: „Das Schokobraun Ihrer Hose stimmt fast genau mit Ihrer Haarfarbe überein. Die Farbharmonie begeistert mich.“
Statt zu erwidern „Wie schön, dass Sie das bemerkt haben!“ oder einfach „Danke-schön!“ machen die Angesprochenen das Kompliment oft klein: „Ach, die Hose habe ich schon lange.“ oder „Das war ein Second-Hand-Schnäppchen.“ oder ähnliches. Hat man da als Komplimente-Verteiler Lust, weitere Loblieder zu singen? Eher nicht.
Das Verhalten bahnt den Weg zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn ich glaube, ich sei der Aufmerksamkeit, der Freundlichkeit oder der liebevollen Anteilnahme nicht wert, dann sorge ich mit meiner Replik dafür, dass künftig weniger Wertschätzung aus dieser Quelle kommt, bis sie endlich versiegt. Dann bestätigt sich mein Glaube.
Sage ich stattdessen: „Dein Kompliment freut mich. Für mich ist es ganz ungewohnt. Ich weiß nicht so recht, wie ich reagieren soll. Aber erst mal will ich Dir danken.“ klingt das ganz anders. Nach Beziehung. Nach Ehrlichkeit. Nach Nicht-Perfekt-Sein-Müssen.
Weil nicht alle Menschen gleich schlagfertig sind, empfehle ich, dass man sich für solche Situationen Standard-Sätze zurecht legt, damit man nicht völlig überrumpelt doch wieder denselben nutzlosen oder gar (selbst-)schädigenden Zermon von sich gibt.
Bösartigkeiten abwehren
Und wie begegnet man unberechtigten oder gar (absichtlich) verletzenden Kritikern? Wir fangen mit dem leichtesten Fall an: Jemand ist nicht in der Position, Sie zu kritisieren. Sie haben keine wichtige persönliche Beziehung zu diesem Menschen und auch keinen Grund eine aufbauen zu wollen. Und seine Kritik ist weder gerechtfertigt noch anständig vorgetragen.
Mein Tipp aus eigener Erfahrung: Ignorieren Sie solche Art von Kritik konsequent. Wiederholt sich der Vorgang mit derselben Person: Ignorieren Sie die Person. Verschwenden Sie nicht Ihre kostbare Zeit und Lebenskraft an Energieräuber. Falls Sie immer wieder in ähnliche Gespräche geraten, befassen Sie ich mit dem Thema Narzissmus. Das Wissen hilft, um die harte Linie durchzuhalten, die notwendig ist, damit man nicht in toxischen Beziehungen energetisch, mental und emotional ausblutet.
Gute Freunde nicht verprellen
Der zweite leichte Fall ist, wenn sie eine enge und grundsätzlich gesunde Beziehung zu dem Kritiker pflegen, aber trotzdem nichts zu dem Thema von ihm hören wollen. Seien Sie so offen wie möglich. Bleiben Sie liebevoll im Tonfall und wohlwollend in der Wortwahl.
„Vielen Dank für Deine gute Absicht. Ich weiß, dass Du es gut meinst und mir helfen willst. In diesem Punkt möchte ich im Moment aber keine Ratschläge hören. Bitte respektiere meinen Wunsch. Wenn ich später Deine Hilfe brauche, komme ich von mir aus auf Dich zu. Versprochen.“
Und dann: Themenwechsel. Falls das nicht gehen sollte, können Sie Ihr Gegenüber fragen, wie es ihm oder ihr mit Ihren Worten geht. Bestenfalls entsteht darauf eine neue Ebene der Freundschaft, die auf Ehrlichkeit und dem Benennen von Gefühlen basiert. Glückwunsch!
Oder Sie stellen fest, dass eine Beziehung bis jetzt von einseitigen Grenzüberschreitungen gelebt hat und nicht ohne existieren kann. Auch gut. Dann muss man Konsequenzen ziehen.
Ich kann nur dazu raten, den obigen oder einen ähnlichen selbst formulierten Passus auswendig zu lernen, wenn man immer wieder Probleme mit der Abgrenzung hat. (Da sind Sie übrigens nicht allein.)
Wichtig ist nicht der Wortlaut, sondern die innere Haltung. Gehen Sie davon aus, dass echte Freunde es wirklich gut mit Ihnen meinen. Und dass Sie tatsächlich das Recht haben, sich Einmischungen in innere Angelegenheiten zu verbitten. Ohne, dass irgendjemand beleidigt oder ärgerlich sein muss. Das ist Freundschaft. Keine Vormundschaft. Sie dürfen frei entscheiden. Sie sind ein erwachsener Mensch.
Der goldene Mittelweg
Ein diplomatischer Mittelweg ist die „Ich werde sehen, was ich tun kann“-Taktik. Die Wertschätzung zu Anfang braucht es hier auch. „Vielen Dank für Deine gute Absicht. Ich sehe, dass Du mir helfen willst. Das ist lieb von Dir.“ Und dann kommt ein Text-Baustein der Souveränität in der Entscheidung. „Deine Ansicht habe ich gehört. Ich werde darüber nachdenken und dann entscheiden, was für mich das Beste / stimmig / vernünftig ist.“ Wichtig: keine Rechtfertigung. Kein In-Aussicht-Stellen einer Entscheidung, die dann diskutiert werden kann.
Freilich können wir in diesem Beitrag nicht jede Situation durchspielen und so eine Art Gebrauchsanweisung erstellen. Viel hängt mit der Selbstwertschätzung zusammen und mit den Vorerfahrungen. Das ist hier nicht umfassend zu berücksichtigen.
Aber Sie können eine Ahnung davon bekommen, welche anderen, neuen und für Sie vielleicht gewöhnungsbedürftigen Arten es geben kann, mit Kritik umzugehen.
Bitte seien Sie gnädig mit sich. Wenn Sie gerade festgestellt haben, dass Sie dazu neigen, mit bester Absicht über die Grenzen Ihrer Mitmenschen hinwegzuschreiten. Oder dass auch Sie noch nicht ideal sind im Empfang von Komplimenten oder Kritik. Das ist nicht schlimm. Wesentlich ist, dass Sie sich dessen nun bewusst werden.
Sie haben jeden Tag die Möglichkeit, Ihren eigenen Werten einen Schritt näher zu kommen. Bestenfalls schärft dieser Beitrag Ihren Blick genau dafür: wer Sie sind und wer Sie sein wollen. Beides in Einklang zu bringen, spart immens viel Energie, bringt Freude und erleichtert das Miteinander.
Text: Petra Weiß
Foto: Ridwan Nugraha / pexels.com
