Kritik ist für die meisten Menschen heikel – in der Rolle des Gebers und des Nehmers. Das gilt schon für positive Kritik, also Lob, und für negative um so mehr. Die tiefgreifende Angst dabei ist: Nicht eine meiner Eigenschaften oder Handlungen wird kritisch betrachtet, sondern ich als Mensch stehe in Frage. Es ist die Angst vor Ablehnung. Vor Isolation. Als Gemeinschaftswesen gibt es kaum etwas Bedrohlicheres für uns Menschen, als plötzlich allein dazustehen.
Egal, was Ihnen die modernen Spin Doctors erzählen wollen: Unser Sein ist auf Gemeinschaft angelegt. Von Anfang an. Wir brauchen die Gruppe zum Überleben. Wenn wir einsam sind, fühlt sich das an als sei unsere pure Existenz gefährdet. Trennung geht häufig mit Vernichtungsschmerzen einher. Ein paar Jahre danach wundert man sich, dass man die Situation überstanden hat. Nicht selten wirkt der Verlust traumatisch und hinterlässt Spuren.
Kein Wunder also, dass viele von uns unbewusst auf archaische Muster zurückgreifen, die dazu dienen, vor allem dazuzugehören. Das ist auch in der heutigen Zeit nicht verkehrt. Wir sind ja nicht nur durch Instinkte beeinflusst, sondern ebenso durch unsere eigenen Erfahrungen konditioniert. Als Baby und Kleinkind gäbe es ohne Erwachsene oder andere Kinder keine Möglichkeit zu überleben. Etwas in uns weiß das. Genau dieser Anteil hält uns davon ab, gelassen mit Kritik umzugehen.
Dem Gemeinschaftssinn entgegen steht das Bestreben nach Autonomie, Unabhängigkeit oder schlicht Individualität. Wir wollen echt sein, uns authentisch geben. Und im Besten Fall verwirklichen wir unser Selbst in der 3D-Welt. Dazu müssen wir uns erst einmal erkunden und ausprobieren, wer wir eigentlich sind. Es gibt viele Wege der Selbsterkenntnis. Manche gehen ins Kloster und meditieren, andere suchen sich in Kunst und Kultur, und wieder einige analysieren ihren Einrichtungs- oder Bekleidungsstil und finden dabei sich selbst.
Wenn die Selbstfindung in einer Gruppe geschieht, wenn es gelingt, das Anderssein des anderen nicht nur zähneknirschend hinzunehmen, sondern sich gegenseitig zu unterstützen und die Individualität zu fördern, dann sind wir in der psychologischen Evolution einen Schritt weitergekommen. Gruppenwesen ODER Individuum – das ist eine falsche Fragestellung. Schwarz-weiß entspricht selten dem lebendigen Leben. Individuum sein IN DER Gruppe – Dafür ertragen wir in dieser Epoche all die Gezeiten des Miteinanders. Und wie bei allen großen Umwälzungen gibt es immer diejenigen, die daran scheitern und andere, die daran wachsen. Alle zusammen gestalten den Prozess.
Warum halten wir Andersartigkeit manchmal nicht aus? Je nachdem wie stabil die Bindung oder wie hoch die Verlustangst ausgeprägt ist, wehrt sich alles dagegen anzuerkennen, dass Menschen Individuen sind. Jeder ist ein Unikat. Wir sind im Wortsinne einzigartig. Und diese Einzigartigkeit in Gruppen zu leben, ist die hohe Kunst.
In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns jeden Tag. Um diesen Balanceakt zu meistern benötigen wir ein gerütteltes Maß an Selbstwertschätzung und Wertschätzung für den anderen.
Ohne als leuchtendes Beispiel vorneweg laufen zu wollen, aber mit einiger Erfahrung aus meiner Zeit im Management will ich Ihnen mitteilen, wie ich Kritik handhabe. Man kann sich daran orientieren oder auch nicht. Ich stelle natürlich keine Regeln auf. Jeder wählt seinen Umgang mit dem Thema nach eigenem Ermessen.
Mit meinem beruflichen Hintergrund und meinen psychologischen Kenntnissen kann ich jedoch vielleicht etwas Hilfreiches beitragen. Der Dialog zur Kritik – positiv wie negativ – beginnt beim Geber. Wer das heikle Thema anspricht oder das Kompliment, startet den Prozess. Daher beleuchten wir heute diese Seite.
Je nach Beziehungsqualität
Ob und wie ich mich kritisch äußere, hängt mit meiner Beziehung zu der entsprechenden Person zusammen. Manche kenne ich seit Jahren. Wir haben uns anfangs vorsichtig genähert und wissen heute, wie weit wir gehen können, ohne dass der andere beleidigt oder verärgert ist. Solch ein Beziehungsaufbau braucht Zeit.
Wenn sich jemand Fremdes herausnimmt, ebenso direkt und ohne große Umschweife zu kritisieren, ohne sich an die üblichen Gepflogenheiten zu halten, kommt das selten gut an.
Was meine ich damit?
Positive Kritik braucht nicht unbedingt eine Begründung. Zu sagen „Das Kleid seht Dir super!“ benötigt keine weiteren Details. Wenn welche kommen, kann das Konkretisieren nützlich sein – wie wir weiter unten sehen werden. Es verursacht aber kein Störgefühl, wenn sie fehlen.
Negative Kritik braucht Substanz, Feinsinn und Taktgefühl. Außerdem gibt es bewährte Methoden der Kommunikation, wie man seine Meinung sozialverträglich vermitteln kann.
Nicht der Flegel auf der Party sein
Wenn ich jemanden noch nicht kenne, würde ich immer erst einmal den Kontakt aufbauen, indem ich anfangs vorwiegend (oder ausschließlich) Positives sage. Das tut mir nicht weh. Im Gegenteil: Mir fällt es leicht, an fast jedem etwas zu finden, dass mir tatsächlich gut gefällt. Und ich habe Freude daran, jemandem mit einem ernst gemeinten Kompliment eine kleine Freude zu machen. Ich muss ja nicht lobhuddeln, wie die Schwaben sagen würden. Ehrlichkeit ist Trumpf.
Man kann nicht in die Party platzen und sich darüber beschweren, dass der Champagner zu warm ist, ohne sich erst einmal vorzustellen, die Häppchen zu loben und sich für die Mühe zu bedanken, die der Gastgeber sich gemacht hat.
Manchmal sagen die Menschen schon früh im Kontakt, dass sie eine klare Ansage wünschen. Das ist mir am liebsten. Dann weiß ich, woran ich bin. Ich bliebe immer noch maximal wohlwollend im Ton, auch und gerade wenn ich eine Unstimmigkeit oder Verbesserungsmöglichkeit anspreche.
Reaktionen im Netz
Ob der Betreffende meine Empfehlungen hören will, mache ich an seiner Reaktion fest. Für Social Media heißt das: Manchmal kommt ein Daumen hoch, manchmal ein Emoji. Einige sind mitteilsamer und schreiben eine Nachricht als Antwort.
Wenn nicht mal ein Daumen hoch zu meinen ausführlichen Kommentaren kommt, lasse ich die Person einfach in Ruhe – sofern es mir auffällt und ich mich daran erinnere.
Ein schmackhafter Burger
In meiner Zeit als Führungskraft habe ich erlebt, wie hilfreich es ist, negative Kritik nicht allein stehen zu lassen und stattdessen gut einzubetten. Dafür gibt es die Sandwich-Methode. Ich begreife sie als Instrument zum besseren Miteinander, nicht als Manipulation durch Sprache. Zumal sie sehr leicht zu durchschauen ist. Sie schafft eine freundliche Atmosphäre und zeigt ein transparentes Kommunikationsmuster.
Zuerst muss die Wertschätzung vermittelt werden – also eine Gemeinsamkeit betont, ein erfreuliches Ereignis erwähnt, an einem persönlichen Thema Interesse bekundet oder eben eine positive Eigenschaft oder Verhaltensweise gelobt werden.
Dann wird ein kritische Punkt kurz und präzise angesprochen. Ohne Vorwurf, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne emotionale Wallung.
Zum Schluss wird nochmal etwas Positives gesagt, damit das Negative nicht zuletzt im Raum schwebt.
Psychologisch kann ich das Vorgehen absolut nachvollziehen. Es geht um Beziehung: Wie soll man wissen, dass man wertgeschätzt ist, wenn nur Negatives vom Gegenüber kommt?
4-stufiges GfK-Konzept
Als Raster, wie man den kritischen Punkt äußert, kann die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg (GfK) Halt und Sicherheit geben. Dort gibt es ein bewährtes Konzept bestehend aus vier Schritten:
1. Den Punkt möglichst sachlich und ohne Ausschmückungen ansprechen.
2. Benennen, welche Phantasie das Verhalten bei einem erzeugt.
3. Bekennen, welche Emotion die Phantasie auslöst.
4. Einen konkreten und direkt umsetzbaren Wunsch äußern.
Und dann natürlich dem Gegenüber Gelegenheit geben zu sagen, was er oder sie verstanden hat, was die Bemerkung bei ihm oder ihr auslöst und ob die Phantasie überhaupt zutreffend ist.
Praktisches Beispiel
Damit lösen sich viele zwischenmenschliche Probleme in Luft auf. Oft sind die Phantasien so absurd, dass man selber darüber lachen muss, wenn man sie erst einmal ausspricht. Probieren wir es mit meinem Lieblingsbeispiel:
1. In unserem Wohnzimmer sind 19 Grad. Mir ist kalt. Ich habe gestern bereits geäußert, dass ich friere.
2. Bei mir entsteht die Phantasie, dass es Dir gleichgültig ist, wie es mir geht.
3. Dieser Gedanke macht mich wütend.
4. Ich wünsche mir, dass meine Wärme-Bedürfnisse berücksichtigt werden.
In der Regel wird der Gescholtene betroffen reagieren, weil es ihm vermutlich ganz und gar nicht egal ist, wie es der Frierenden geht. Wenn er das äußert, verfliegt der Ärger oft schon.
Und dann kann man gemeinsam an einer guten Lösung arbeiten. Ein Thermostat, eine schöne Wolldecke oder eine kleine Fußmassage hat schon so manche Ehe gerettet 😉
Ein Loblied aufs Loben
Ein Lächeln und ein gutes Wort kosten keinen Cent. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir uns gegenseitig etwas öfter in dieser einfachen Weise beglücken würden.
Das Loben will allerdings auch gelernt sein. „Das hast Du toll gemacht!“ kann man nicht in jeder Konstellation denken. Solch eine Bemerkung kann ganz schnell mal nach hinten losgehen. Warum? Stellen Sie sich vor, der Lehrling sagt diesen Satz zu seinem Chef. Bemerken Sie die Blickrichtung? Sie hat einen leichten Trend von oben nach unten.
Ist jemand als Autorität anerkannt, dann kann er es sich leisten, ein solches Kompliment zu verteilen. Ist er eher einer unter Gleichen, dann wird eine Bemerkung dieser Art mitunter unerwünschte Befindlichkeiten auslösen – auch wenn sie noch so gut gemeint war.
Ich habe einmal erlebt, wie sich ein etwa 80-jähriger Profi-Trainer eine solche Überheblichkeit von seinem damals 50-jährigen neunmalklugen Schulungsteilnehmer mit Vehemenz verbeten hat. Der gönnerhaft Lobende war wie vor den Kopf gestoßen. Er konnte es nicht fassen, dass sein Kompliment als Affront gewertet wurde.
Um auf Augenhöhe zu bleiben, loben wir Leute, die uns nicht so vertraut sind, lieber nicht in der Du-Form. Wir bleiben bei uns. Und wir werden möglichst konkret, WAS GENAU wir an dem anderen toll finden.
Also nicht: „Sie sind eine hervorragende Sekretärin.“ Sondern: „Ich schätze Ihre Zuverlässigkeit und Ihre Präzision sehr. Damit haben Sie mich bei der Vorbereitung der Aufsichtsratssitzung wirklich effektiv unterstützt.“
Weitere Formulierungen könnten beginnen mit: „Was mich an Ihrer Arbeit besonders beeindruckt ist,…“ oder „Dank Ihrer … und … konnten wir das Projekt erfolgreich abschließen.“ oder „Ich schätze Ihre … und Ihren… und bin froh, Sie in unserem Team zu haben.“
Man glaubt gar nicht, wie wertvoll so eine kleine Beziehungsklärung oder -bestätigung von Zeit zu Zeit sein kann.
Wenn Sie Lust haben, legen Sie sich ein paar Satzanfänge zurecht und gehen Sie damit in die Welt hinaus. Halten Sie Ausschau nach Lobenswertem bei anderen und sprechen Sie an, was Ihnen gefällt. Das mag zu Beginn noch ungewohnt sein. Geben Sie sich Zeit, bis Sie etwas in Übung gekommen sind.
Trainieren Sie diesen „Muskel“ in harmlosen Situationen. Nicht mit der Schwiegermutter, wenn das Verhältnis angespannt ist, sondern mit der netten Nachbarin, die Sie sowieso mögen.
Bemerken Sie beispielsweise, dass der frische Farbton ihres Oberteils Ihnen gute Laune macht. Oder dass Sie sich freuen, sie zu sehen. Oder dass Sie den ordentlichen Schnitt ihres Rasens bestaunen. Bestimmt fällt Ihnen etwas Positives auf.
Vor allem: Seien Sie ehrlich! Nichts ist schädlicher für eine Beziehung als kleine Spitzen, die durch falsche Komplimente übermittelt werden. Diese Giftpfeile sollten Sie sich sparen und stattdessen den darunterliegenden Konflikt endlich klären. Denn oft gärt da etwas im Untergrund, wenn wir sagen: „Ich bewundere Ihren Mut, dass Sie so ein Kleid tragen – bei Ihrer Figur!“
Sagen Sie auf keinen Fall, dass Sie das Krawattenmuster schön finden, wenn es Ihnen Brechreiz verursacht. Wenn Ihre Worte und Ihre Mikromimik (kleinste Bewegungen im Gesicht, die wir nicht steuern können) nicht in Einklang sind, merkt Ihr Gegenüber das. Wir haben alle einen eingebauten Lügendetektor.
In Teil 2 dieses Beitrags lesen Sie, wie man Kritik beziehungsfördernd annehmen kann. Und auch unter welchen Umständen man Kritik gar nicht annehmen muss. Gedulden Sie sich ein paar Tage bis er ausgegoren ist und online geht.
Text: Petra Weiß
Foto: anton kotlovskii / pexels.com
